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29.01.2004: 
Masqat: Zwischen Suq und Hafen

Die Hauptstadt des Oman erscheint heute selten in den Medien - Von Abdurrahman Reidegeld


Noch vor 1970 war die Stadt Masqat letztlich ein relativ kleiner Ort - ungeachtet dessen, dass Masqat schon seit ungefähr 1750, seit dem Aufstieg der Dynastie

 

der Al Bu Said-Sultane, auch deren Residenzstadt wurde und offiziell bis heute blieb. Damit stellt Masqat eine sehr junge Stadt dar, die sich von den viel älteren Metropolen des Inner-Oman (wie Bahla und Nizwa) absetzt, welche teils weit in vorislamische Zeit hineinreichen.

Wen aber etwas mehr Freiheit von der Stadt reizt, kann heute auf den sehr gut ausgebauten Straßen schnell ins Landesinnere gelangen - und ist damit in einer viel besseren Lage als Masqat-Reisende noch vor vierzig Jahren: Damals war die ganze Hauptstadt so von den umliegenden Bergen und Hügeln umfasst, dass man auf wenigen schmalen Bergpässen per Reittier nach Inner-Oman streben musste. Abgesehen davon, dass die Reise ins Innere recht gefährlich war, weil durch Stammesrivalitäten die Wege nicht immer sicher waren.

Ein wichtiger Grund für die früher spärliche Besiedelung Masqats ist das extreme, feucht-heiße Klima der Großregion: im Hochsommer steigt die Tagestemperatur auf über 50°C, bei einer Luftfeuchtigkeit von teils über 85 Prozent. Ohne die modernen Klima-Anlagen, ohne Möglichkeit, sich tagsüber in einen trocken-angenehm temperierten Raum zurückzuziehen, wäre ein Aufenthalt im Sommer fast unmöglich. Folglich zogen sich vor der heutigen Technisierung viele Einwohner des alten Masqat in Siedlungsgebiete zurück, die etwas weiter im Landesinneren lagen und wo zumindest die Luft trocken war.

Der Großraum Masqat erstreckt sich heute über ein Gebiet von ca. 50 km entlang der Küste, wobei er von dem eigenständigen Hafenort Sib im Nord-Westen bis zum Areal des berühmten Al-Bustan-Hotels im Westen hin reicht. Die Stadt ist äußerst sauber; ganze Kolonnen von Angestellten verteilen sich von morgens bis abends über Straßen, Plätze und Parkanlagen, um Müll und sonstige Schönheitsfehler zu beseitigen. Durch staatlichen Erlass müssen alle Privathäuser und offizielle Gebäude hiesige architektonische Bauelemente der traditionellen omanischen Baukunst aufweisen; das Ergebnis ist manchmal etwas eigen, aber Zinnen, Holzgitter usw. sind schöner anzusehen als Plattenbauten aus Beton - von denen es nur wenige (meist Einkaufszentren) im Stadtzentrum gibt. Typisch für Oman sind die Kreisverkehre, die wortwörtlich als Verkehrsknoten Orientierungspunkte geben: im - reichlich vorkommenden - Sammeltaxi handelt man z.B. in Ruwi die Mitfahrt „bis zum Kreisverkehr von Qurum“ aus.

Das alte Hafenviertel Der eigentliche historische Kernbereich der Stadt mit dem beträchtlichen erhaltenen Teil der alten Stadtmauer umfasst verschiedene Residenzen, Botschaften und Palastanlagen, die teilweise bis zu zweihundert Jahre alt sind; direkt zur Seeseite hin wird das alte Hafenbecken von Masqat - bis in die 1970er Jahre auch das einzige - durch die beiden Festungen Djalali und Mirani im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlossen. Beide Festungen wurden zunächst im 16. Jahrhundert von den Portugiesen erbaut, als sich diese an der omanischen Küste kurzfristig festsetzten und diesen damals wichtigen Hafen sicherten. Später wurden die Festungen umgebaut und bis heute funktionell erhalten; ein faszinierender Anblick, der sich vergleichbar bis vor hundert Jahren bei Hafeneinfahrten allen Seereisenden an der arabischen Küste gezeigt haben muss und so nur noch hier erhalten ist.

Das quirlige Ruwi Der genaue Gegensatz zum doch sehr ruhigen und nur dünn besiedelten Alt-Masqat, wo hauptsächlich Diplomaten und Angestellte des heutigen Sultanshofes leben, ist das Viertel von Ruwi: riesige Straßenzüge, gesäumt von traditionellen und modernen Einkaufspassagen, bieten hier den Omanis und - am Durchschnitt gemessen - den großen Ausländergemeinden Masqats alles, was man sich nur denken kann: sehr viele indische und pakistanische Bedarfsartikel, auch viele Schnäppchenmärkte und günstige Gebrauchsartikel, vom Koffer bis zum Elektroladen, Großhandelshäuser und Krämer, in feiner Eintracht mit unzähligen Garküchen, volkstümlichen und Sterne-Restaurants. Hier flanieren auch die Studenten, Jugendlichen und mittleren Angestellten der einheimisch-omanischen Mittelschicht; die Menschengruppen sind bis früh morgens auf den Beinen. Fußballfans treffen sich auf den Verandas vor den kleinen Restaurants, die eigens kleine Fernseher aufgehängt haben, und dort vergnügt man sich bei einem kleinen Essen, Tee und - in manchen Lokalen - sehr guten Wasserpfeifen, die meist in ägyptischen Lokalen bereitstehen, welche auch meist von arabischen nicht-omanischen Angestellten besucht werden. Überhaupt kann man nirgendwo in Masqat vergleichsweise so gut und zugleich so preiswert essen, und auch volkstümliche Restaurants, in denen man noch die Finger statt Löffel und Gabel benutzt, sind häufig anzutreffen.

Interessanterweise gliedern sich hier, entlang der Hauptstraße bei Ruwi, auch die meisten Ministerien des Sultanats, wie an einer Kette aufgefädelt an einem mit Gärten gesäumten Streifen, der sich einerseits dem unruhigen Ruwi, andererseits aber dem Indischen Ozean zuwendet, dessen Strand von dort nur wenige Minuten entfernt liegt.

Der alte Suq von Matrah Wer aber den echten Suq liebt, wird nicht hier, sondern im Hafenviertel von Matrah auf seine Kosten kommen. Ursprünglich war Matrah eine kleine eigenständige Hafenstadt, die aber schnell an Masqat angegliedert wurde. Der Suq von Matrah ist seit jeher berühmt, weil die alte Überdachung aus Holz, mit farbigen Decken und Verzierungen, erleuchtet von traditionellen Lampen, noch bis heute besteht. Zum Landesinneren hin beginnt der Markt mit dem erhaltenen, gewaltigen Tor, gesäumt von zwei hohen Türmen; von der Seeseite aus sieht man zunächst das Hafenbecken von Matrah, in dem die klassischen Holzschiffe vor Anker liegen. Dort schließt sich dicht an die Promenade das noch original erhaltene und bewohnte Händlerviertel der Lawatiya, aus Indien stammender schi’i-tischer Händler, an, und daneben liegt der Seeseiten-Eingang zum Haupt-Suq. Hier findet man seltene Handschriften, Edelsteine und Silberschmuck, und der Schwerthändler bietet voll gearbeitete Gebrauchsschwerter und einzelne Klingen an. Der traditionelle Krummdolch, der Khandschar, wird von einer ganzen Ladenstraße hoch angesehener Spezialhändler vertrieben und ist Anziehungspunkt der Männer, während Frauen meist beim Kleider- und Goldhändler zu finden sind. Große Läden bieten Gewürze, Weihraucharten und Räucherzubehör an; im Teil-Suq der Stoffhändler bahnt man sich den engen Weg, indem man den Kopf unter Lampen und Stoffbahnen einzieht. Die labyrinthartigen Windungen des gänzlich überdachten Suq überwinden auch etliche durch hügeligen Grund bedingte Höhenunterschiede, sodass man im stickigen Sommerwetter oft in einen klimatisierten, schattigen Laden flüchtet, selbst wenn man dort gar nichts kaufen möchte …

Die Händler sind aber auch immer verständnisvoll und nicht aufdringlich. Fixpunkte sind seltsame Freiplätze im Markt selbst, wo auf kleineren Emporen kleinere Krämer und fliegende Händler ohne festen eigenen Laden Stände unterhalten, besonders für einfache Gebrauchswaren. An manchen Stellen ist die Decke unterbrochen, wenn eine kleine Moschee, entsprechend in den Suq hineingebaut, einen Lichthof besitzt. Brunnenkästen, die ihnen angegliedert sind und in denen kostenfrei gekühltes Trinkwasser mit Metallbechern bereitsteht, sucht der Wanderer im Markt gern auf und erfrischt sich in der dampfenden Glut des Hafenviertels.

Grün und Kultur in der Stadt Auch finden sich etliche Parkanlagen im ganzen Stadtgebiet, die sich in der Woche als ruhige besinnliche Gärten zeigen, aber am islamischen Wochenende (ab Donnerstag nachmittags bis einschließlich Freitag nachts) zu stark frequentierten Erholungsgebieten mit Restaurants, Reitpferden für Kinder und auch traditionellen Tanzgruppen (einschließlich Männergruppen für Khandschar- und Schwerttänze) werden. Sehr schön fällt die Ausrichtung auf Familienbesuche auf: Große, offene Zelte und Pavillons mit je zwanzig Sitzplätzen findet man in offenen Anlagen und vielen Restaurants. Die Volksbildung ist in der jüngeren Bevölkerung Omans hoch; so verwundern auch nicht die vielfältigen Angebote in Bibliotheken und Computerzentren.

Die reinen Wohnviertel Das Qurum-Viertel und die Gegenden von Khuwair und Ghubra sind - im Gegensatz zum geschäftigen Ruwi - fast ausschließlich Wohngebiete; von hier aus fahren die besser Situierten mit dem eigenen Wagen, während die anderen mit dem Sammeltaxi weiterkommen. Das Khuwair-Viertel, das auch in Meeresnähe liegt, gehört zu den „ältesten“ Wohnvierteln des modernen Masqat, das heißt, dass manche Teile dieses Areals schon in den 1970er Jahren gebaut waren. Diese Gebäude erinnern denn auch sehr an die kleineren Küstenorte etwa an der Batina-Küste und machen fast einen ländlichen Eindruck, wie auch das Leben der Bewohner recht ruhig und ohne viel Lärm verläuft. Dagegen zeigt sich in Qurum eine schon fast extravagante Architektur der Wohlhabenden und Reichen; eine interessante Mischung aus traditioneller Gesamtkonzeption und buntem Glas, Keramik und Stuck, konzipiert als dezenter, nicht-provokanter Rückzug hinter schlichten Mauern.

In allen Vierteln jedoch ist der Gesamteindruck der Stadt in überraschender Weise recht einheitlich: weiß-ocker-farben angestrichene Hausfronten, viele mit Zinnenbekrönung und den von Festungsanlagen bekannten Wasserspeiern, Flachdächer, außen an den Wänden eingebaute Holzgitterkästen (den früheren Fenstervorsprüngen nachempfunden), unter denen die äußeren Teile der Klimaanlage sitzen, breite Eingangstore bei besseren Wohnhäusern und in wohlhabenden Vierteln noch immer die schweren, geschnitzten, doppelflügeligen Haupteingangstüren.

So zeigt sich das moderne Masqat als typischer Spiegel des Landes: als gelungene Verbindung von überlieferter Form und praktischer Ausrichtung an die Erfordernisse des Alltags von heute, ohne sein Gesicht verloren zu haben.

 - Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) - 

 

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