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11.07.2007: 
Standardwerke des Islam. Von Abdurrahman Reidegeld

„Al Muwafaqat“ von Asch-Schatibi


(iz). Schon seit dem 5. Jh. nach der Hidschra (dem 10.-11. Jh. n. Chr.) standen den Gelehrten und den interessierten Gebildeten der islamischen Welt etliche Werke aus dem Bereich der Grundlagenwissenschaften (der Usul al-Fiqh) zur Verfügung, und es schien, als sei dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Doch dann, im 8. Jh. (dem 12.-13. Jh. n. Chr.) erschien das Buch „Al-Muwafaqat fi Usul Asch-Schari’a“ (die miteinander übereinstimmenden Dinge in den Grundwissenschaften der Schari’a), das in seiner Art einzigartig war und auch bis heute geblieben ist.

Sein Verfasser, der malikitische Gelehrte Abu Ishaq Ibraham ibn Musa Al-Lakhmi Asch-Schatibi, stammend aus Granada und verstorben 790 n. H., hatte eine bedeutsame Lücke geschlossen, die bis zu seiner Zeit noch keinem bewusst geworden war.

Zwar hatten schon viele Gelehrte die Kategorien der Pflichtenlehre beschrieben, auch die dazu nötigen Wissenschaften, doch Asch-Schatibi beschrieb zum ersten Male auch die Hintergründe, wie diese Wissenschaften genau anzuwenden waren, welche inneren Beweggründe dahinterstehen (die ‘Maqasid’, die Zielsetzungen der Schari’a), und schaffte es in einzigartiger Weise, diese Regeln fast schon formelhaft darzustellen. Asch-Schatibi setzt dabei voraus, dass der geneigte Leser nicht nur in den Fachwissenschaften Fiqh (Pflichtenlehre) und Usul (Grundlagenwissenschaften), sondern auch der Logik, Philosophie und manchen Bereichen des Sufismus bewandert ist. So blieben die Muwafaqat ein „Geheimtipp“ der Spezialisten unter den Gelehrten - bis heute.

Durch das gesamte Werk zeigt sich, dass Asch-Schatibi die Muwafaqat nicht im üblichen Stil eines Lehrbuches verfasste. Vielmehr nahm er aus jedem der Fachbereiche, die er im Buch behandelte, bestimmte Aspekte heraus, durch die er einen besonderen Blick auf den Sinn und Zweck der islamischen Wissenschaften warf - geboren aus dem Willen, den Kern, das eigentliche Warum des Handelns gemäß der gottgegebenen Regelung im Islam, deutlich werden zu lassen.

Das Werk gliedert sich in fünf grundlegende Teile:

• Die Vorworte beziehungsweise Einleitungen (Al-Muqaddimat),

• Die Normenkategorien der Pflichtenlehre (Al-Ahkam),

• Al-Maqasid (die Zielsetzungen der vom Schöpfer gesetzten Normen)

• Die Belege zu den Anordnungen (Al-Adilla), und

• die eigenständigen Ableitungen durch den Rechtsgelehrten (Al-Idschtihad).

Im ersten Hauptteil diskutiert Asch-Schatibi durch die insgesamt 13 Einleitungen die grundsätzliche Vorgehensweise in der Herleitung und Belegung, der Normenableitung und dergleichen, insbesondere die Frage nach Idschma’ (Konsens der Gelehrten) und den Masalih Al-Mursala (den Zwecken des Gemeinwohls) bei den verstandesgebundenen Normen, und die Arten der Erlangung von Wissen (durch direkte mündliche Übermittlung, Lesen von Werken, Korrigierung durch Wissende und so weiter).

Hier findet sich - um nur ein brilliantes Beispiel für Asch-Schatibis Technik zu nennen - der Hinweis, dass sich alle Belege und Herleitungen der islamischen Pflichtenlehre ergeben durch Tradierung (Naql: Qur’an und Hadithe), Verstand (Aql: dazu zählt etwa der Analogieschluss/Qijas) sowie Induktion (Istiqra’, Ableitungsweisen und Systematik). Hieraus ergeben sich fast alle weiteren Argumentationen der Vorwortteile; „Naql/Aql/Istiqrâ’“ umfasst wie eine komprimierte Formel sämtliche Aspekte der ausgearbeiteten Wissenschaften.

Im zweiten Hauptteil erläutert der Autor die Grundarten der Normen; hier hebt er bezeichnenderweise den Mubah-Bereich (den Bereich des Wertfreien, nicht durch Gebote Festgelegten) und seine Besonderheiten hervor und betont die Beziehung zwischen Ursache, Absicht und Verantwortlichkeit: Durch den Mubah-Bereich hat der Schöpfer dem Menschen Freiheit gegeben - ein Aspekt, der dem gewöhnlichen Betrachter fremd ist: Der einfache Mensch wünscht sich nämlich klare Verhaltensregeln, während ihm tatsächliche Handlungsfreiheit unheimlich ist, doch der Schöpfer hat dem verantwortlichen Muslim auch in allen Bereichen des Lebens Freiheiten gegeben, nämlich dort, wo das Allgemeinwohl der Umma nicht beeinträchtigt ist. Insofern ist der Mubah-Bereich ein Beweis für die Barmherzigkeit des Schöpfers den selbstständigen Menschen gegenüber, während die verpflichtenden Regeln für alle gelten, einfache wie hochgebildete Muslime, wodurch das Allgemeinwohl und die Gleichheit der Menschen vor dem Schöpfer betont wird. Im dritten Hauptteil werden die abstrakten Zielsetzungen der Schari'a (die „Maqasid") behandelt. Dieser Bereich war in dieser Form vor Asch-Schatibi noch nicht betrachtet worden. In seiner ihm eigenen Art beleuchtet der Autor die Herangehensweise des Schöpfers, wie sie in den Regeln der Schari'a aufleuchtet, und verdeutlicht dies in überraschenden Beispielen in nie zuvor geschilderter Klarheit: Was notwendig ist zur Aufrechterhaltung des Din (Religion) und was nicht, worin „Handlung" besteht und „Verantwortlichkeit", wodurch sich „Verpflichtung" und „Nicht-Verpflichtung" ergibt, usw.

Auch hier ist auffällig, wie sehr sich Asch-Schatibi bemüht (und das mit Erfolg), dem Leser einen jeweiligen Aspekt aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen: Aus jedem Blickwinkel ergeben sich natürlich unterschiedliche Ergebnisse, und die Kunst von Asch-Schatibi besteht darin, den Leser selbst erkennen zu lassen, dass und wie diese Ergebnisse zusammengehalten werden. Die Belege (Al-Adilla), durch die in der Pflichtenlehre (Fiqh) etwas bewirkt wird, sind das Thema im vierten Hauptteil; hier beschäftigt der Autor sich mit den sprachlichen Aspekten des Qur'an, und zeigt wiederum in ungewohnter Weise (ungewohnt auch dem damaligen Leser, der in Grammatik bewandert war), wie Sprache als solche in den Grundlagenwissenschaften bewertet wird: Ohne Bewertung der Sprache keine Ableitung von Belegen, ohne Belege keine Normen (Verpflichtung, Verbot, Wahlfreiheit und so weiter).

Der fünfte und letzte Teil der Muwafaqat beschäftigt sich endlich mit dem schwierigsten Bereich, der eigenständigen Rechtsfindung des ranghohen Gelehrten (Idschtihad). Gerade weil ohne diese besondere und schwierige Art der Bewertung und Auslegung der Quellen, ohne Verinnerlichung der gesamten Grundwissenschaften, kein praktikabler Weg des Islam denkbar ist, zeigt sich der geniale Stil von Asch-Schatibi: Jetzt erst, nachdem der Leser die besondere Sichtweise des Autors durch Wissenschaften, Quellen, Belege etc. mitverfolgt hat, kann er die Techniken des Mudschtahid (des eigenständig auslegenden Gelehrten, Richters und Muftis) nachvollziehen. Bis heute ist das Werk der Muwafaqat unerreicht und ein weithin noch kaum genutzter Schatz der islamischen Wissenschaftsliteratur und Geistesgeschichte.

In der nächsten Ausgabe stellen wir das „Bidajat Al-Mudschtahid" von Ibn Ruschd vor.

 

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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