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29.03.2010: 
Die offenbarten Texte und die sie auslegenden Gelehrten im islamischen Denken

Überlegungen zur Rolle der Vernunft (2) von Abdurrahman Reidegeld, Wien

(iz). Im zweiten Teil dieser Betrachtung sollen einige der bekannteren Philosophen und Intellektuellen vorgestellt werden, deren Beschäftigung war, islamische Kultur und Denkweise mit Verstandeskriterien zu verbinden.

Der „erste Philosoph der Araber“ - Al-Kindi 
Abu Yusuf Ya’qub ibn Ishaq Al-Kindi wurde ca. 800 in Kufa geboren.

Er war einer der produktivsten Denker, denn laut dem Gelehrten Ibn Nadim (dessen Werk „Al-Fihrist“ sämtliche Wissenschaftssparten seiner Zeit erfasste) hatte er in seinem Leben 240 Titel verfasst, viele davon sicherlich eher in Form der „Risala“, einer kleinen, gezielten Abhandlung. Wie so viele andere nach ihm war auch Al-Kindi in die Politik verstrickt; er diente als Erzieher des Sohnes des abbasidischen Khalifen Al-Mu’tasim (gest. 842), war später Berater unter dem Khalifen Al-Wathiq (gest. 847), wurde aber dann aufgrund einer Intrige durch den Khalifen Al-Mutawakkil (gest. 861) verfolgt und inhaftiert. Al-Kindi wurde aber nach kurzer Zeit rehabilitiert und zog sich ins Privatleben zurück; er verstarb 873.

Ansatz von Al-Kindi 
Al-Kindis Hauptwerk trägt den Titel „Über die erste Philosophie“, will sagen: über die Philosophie in der nachklassischen Tradition der Aristoteliker. Dort untersucht er das Spannungsfeld von griechischer Philosophie (als solcher) und der Botschaft des Qur’an. Einige Gedanken wie die Ewigkeit der Materie, die eindeutig mit der Offenbarung kollidieren, wurden von ihm genauso kritisiert wie die Haltung, dass verstandesgebundene Regeln absolute Geltung hätten. Er bestätigt vielmehr, dass im Zweifelsfall die Aussage des Qur’an Vorrang haben müsse, weil der Qur’an aus einer „höheren Ebene des göttlichen Intellekts“ stammt, wobei der göttliche Intellekt natürlich den des Menschen überragt und folglich auch in seiner Äußerung - dem qur’anischen Text - erste Geltung haben muss.

Einen entscheidenden Schritt in der logischen Betrachtung Allahs tat er, indem er den Grundsatz ausarbeitete, der später als „Negative Theologie“ bekannt wurde: Wenn wir nur das von Allah (ta’ala) aussagen können, was Er (ta’ala) von sich aus über sich aussagt, und Er zugleich ablehnt, dass irgendetwas Ihm oder seinem Wesen auch nur ähnlich sein könne, dann erschöpft sich letztlich die Beschreibung des göttlichen Wesens auf ein „Nicht-So“ - und das genau ist negative Gottesdefinition, Definition über das Gegenteil des Unmöglichen. Ein weiterer wichtiger Schritt war die Wiederentdeckung der Metaphysik: Dadurch konnte eine Brücke zwischen den vorhandenen tradierten Offenbarungstexten (Naql) und der Bewertung der Offenbarung selbst (Wahi) geschehen. Solcherart unterscheidet Al-Kindi zwischen 4 Stufen des Intellekts (‘Aql), und diese Stufen dienen dazu, dass der göttliche Intellekt in das Sein des Diesseits hineingelangt (das heißt: dass sich der göttliche Intellekt durch den Text der Offenbarung zu erkennen gibt).

Das Ganze lässt sich also als ein Ansatz beschreiben, den Verstand des Menschen nicht nur als von Allah gegeben zu beschreiben, sondern als Instrument zur Einschätzung der Wirklichkeit, nicht aber Festlegung des Wirklichen - das ist und bleibt dem „göttlichen Intellekt“ vorbehalten.

Gesellschaft und Rationalismus im Denken 
Das große Anliegen im 9./10. Jahrhundert war die Versöhnung von Offenbarung (Wahi) und Philosophie. Man erkannte das Potenzial der Philosophie, aber auch die mögliche Gefahr einer Irreleitung aus Sicht der Offenbarung. Eine Klärung wurde gewünscht, weil sich zeitgleich auf politischer Ebene der Zerfall des bisherigen Einheitsstaates durch Regionalstaaten ergab, und der Kalif nur noch formales Oberhaupt der Umma sein konnte, was wieder zu einer geistigen Krise führte.

Im 10. Jahrhundert begann der Aufstieg neuer städtischer Eliten: Schreiber, Ärzte, Verwaltungsbeamte, die nach neuen geistigen Inhalten suchten. Auf der ­anderen Seite erhielten die Gelehrten als Mitglieder der neuen geistigen Schicht auch eine stärkere Rolle im Bürgertum. Das war auch einer der Hauptun­terschiede zwischen der ‘Abbasidenzeit und der Epoche der zuvor herrschenden ‘Umaijaden.

Weil aber der bloße Rückgriff auf ­Tradiertes keine neuen Lösungen aufzeigte (der Zerfall des ‘abbasidischen Khalifats war ja nicht durch die tradierten Methoden zu rechtfertigen, noch ­eindeutig zu erklären), wurde die Rückkehr zu den Wurzeln der Sittlichkeit und Moral erforderlich - und musste in ein logisches Gewand gekleidet werden.

„Kommentator des Aristoteles“ 
Al-Farabi, geb. 870 nordwestl. von Taschkent als Sohn eines iranischen oder turkmenisch-stämmigen Wachoffiziers einer Grenzfestung, führte persönlich ein bescheidenes Leben; so ließ er sich als Jugendlicher als Wächter in den Wein- und Rosinengärten von Bagdad anstellen, wo er nachts bei Kerzenlicht aus seinen Aufzeichnungen lernen ­musste. Nachdem er in dieser Zeit eine Ausbildung als Arzt und Musiker beziehungsweise Musiktheoretiker in Bagdad erhalten hatte, beschäftigte er sich mit den Gedanken der griechischen Philosophie, vor allem der Metaphysik und Ethik.

Indem er den Zustand des Khalifen und der Fürsten seiner Zeit mit diesen Idealen verglich, wurde ihm klar, dass er sich aus der Hauptstadt Bagdad zurückziehen musste, um nicht in den Machtbestrebungen und Intrigen zu versinken.

Er fand bald Förderung durch den Hamdaniden-Fürsten Saif Ad-Daula, der einen Teil des Grenzgebietes zwischen Nordarabien und Iraq beherrschte. Dieser Mäzen sorgte für Al-Farabis Lebensunterhalt, erwartete aber auch, dass Al-Farabi ihn auf seinen Reisen und Feldzügen begleitete. Auf einem solchen Feldzug verstarb Al-Farabi, wahrscheinlich aufgrund einer plötzlichen Krankheit, ca. 951.

Ideal(istisch)er Staats- und Gesellschaftsentwurf 
Zwei seiner Werke machten Al-Farabi weithin berühmt: „Tahsil As-Sa’ada“ (Erlangung der Glückseligkeit) und „Ara’ Ahl Al-Madina Al-Fadila“ (Ansichten der Bewohner der vortrefflichen Stadt). Wie schon Al-Kindi verleugnet Al-Farabi nicht die entscheidende Rolle von ­Offenbarung und Propheten, aber er baut diese Elemente in eine neue philosophische Systematik ein.

In „Tahsil As-Sa’ada“ betrachtet er die Metaphysik: Die Gottesidee wird von ihm zum ersten Mal als „vollkommener Intellekt“ beschrieben; dabei bezieht sich Al-Farabi auf die antiken Konzepte und ersetzt die abstrakte Idee der antiken Philosophen, den „übergeordneten Intellekt“, durch den Gedanken der vollkommenen Weisheit Allahs, beschrieben als „vollkommener Intellekt“. Dieser göttlichen Regel, dieser von Allah her stammenden Einsicht entspricht, dass der Denker die Notwendigkeit von politischer Ethik erkennt. Seine These: Nur durch die Ethik des Islam geleitet, mit dem Mittel der Metaphysik, kann ein vorbildliches Handeln entstehen.

In seinem wohl noch bekannteren Buch „Ara’ Ahl Al-Madina Al-Fadila“ wird ein idealer Staat entworfen: als Spiegel des Universums, so wie es vom Schöpfer gesetzt ist. Ideales Oberhaupt (Ra’is) dieses Staates ist ein Prophet (Nabi) - schlicht darum, weil dieser über direkte Beziehung zum „vollkommenen Intellekt“, das heißt der Offenbarung, verfügt.

So geschieht durch Al-Farabi eine Neuinterpretation der „doppelten Wahrheit“: Wahrheitserkenntnis durch ­Offenbarung (Wahi) und auch Verstand (‘Aql), und auf Gesellschaftsebene beste Umsetzung durch „Al-Ummatu-l-­Fadila“ (die vorzügliche Gemeinschaft) beziehungsweise „Ahl Al-Madina Al-Fadila“ (die Bewohner der vortrefflichen Stadt).

Der größte „Ärzte-Philosoph“ 
Geboren als Kind iranischer Eltern, war Ibn Sina ein sehr begabtes Kind; weil sein Vater dies erkannte, erhielt Ibn Sina eine umfassende Ausbildung in den Wissenschaften des Verstandes (‘Aql) wie Mathematik und Logik, sowie der Tradition (Naql) wie der Überlieferungskunde. Er war durch einen riesigen Wissensdurst gekennzeichnet, und nachdem er seine Lehrer weit überragte, erlernte er den Arztberuf. Nach einiger Zeit wurde er berühmt und zum Leibarzt des Fürsten Ala’ Ad-Daula von Isfahan, der auch als sein Mäzen auftrat. Die von ihm entwickelten innovativen Ansätze und Methoden legte Ibn Sina in seinem medizinischen Werk „Al-Qanun fi-t-Tibb“ (das feste Regelwerk zur Medizin) fest; er war ein herausragender Empiriker, der mehr Wert auf bewährte Praxis als auf Buchautoritäten legte.

Doch auch in der Philosophie brachte Ibn Sina einen neuen Ansatz zur Rolle des Verstandes im Din (Religion, ­siehe unten). Dabei ist ein klarer Einfluss von Al-Farabis Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles erkennbar. Bekannt wurde auch Ibn Sinas philosophische Korrespondenz mit dem Universalgelehrten Abu Raihan Al-Biruni (973-1048), wobei er - wie meist - brilliert.

Sein philosophisches Hauptwerk ist das „Kitab Asch-Schifa“ (Buch der Genesung); darin kommt er zu folgenden Schlussfolgerungen: Allah (ta’ala) ist ­notwendiges Sein; alles erhält seine Exis­tenz nur von Ihm (ta’ala). Andererseits gibt es die Möglichkeit der rationalen Erkenntnis Allahs, wenn auch nur aufgrund logischer Verknüpfungen der ­offenbarten Texte. Das wahre Ziel des intelligenten Menschen ist daher: ­Erkenntnis Allahs (ta’ala), verbunden mit Tugend und anständigem Handeln. Das gilt für den Einzelnen und daher auch gerade für den idealen Staat (hier schließt Ibn Sina gewissermaßen auch an Al-Farabis Ideen an).

 

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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