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18.07.2004: 
Hintergrund: Mehr als nur Schäume - die Welt der Träume

Essay über die Traumdeutung als eine der traditionellen Wissenschaften der Muslime - Von Abdurrahman Reidegeld, Köln


(iz)Schon von Urzeiten an waren Träume bekannt als Träger von Botschaften, Nachrichten aus einer anderen Art der Wirklichkeit. Tatsächlich ist dieses Gebiet und das Wissen um Traum, Traumbilder und ihre Deutung ausdrücklich durch den Qur’an als Wahrhaftiges, Echtes, Wichtiges bestätigt, indem die Fähigkeit des Traumdeutens von dem Propheten Yusuf, Allahs Friede auf ihm, berichtet wird: „Und derart festigten Wir Yusuf auf Erden und lehrten ihn in der Deutung der berichteten [Traumbilder]“ (Al-Yusuf, Vers 21).

Doch die Traumdeutungskunst ist aus islamischer Sicht nicht nur hingenommen, sondern geradezu gewünscht; auch die konservativsten Gelehrten bekräftigen, wie wichtig es ist, wenn jemand Träume vertrauenswürdig und - weitgehend - treffend deuten kann. Dies darum, weil der Gesandte Allahs, Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, in mehreren authentischen Überlieferungen aussagt, dass nach seinem Tode vom Prophetentum nur der Wahrtraum beziehungsweise das wahre Traumbild (ar-ru’ya as-sadiqa) des aufrichtigen Menschen übrig bleiben werde. Auch gehen in der Lebensgeschichte des Propheten, der Sira, Wahrträume der eigentlichen Erweckung als Prophet voraus, wobei dort berichtet wird, dass diese Träume keine Alpträume gewesen seien, der Prophet sei durch sie beunruhigt, aber nicht erschrocken worden. So hat der Gesandte Allahs auch regelmäßig seine Gefährten morgens befragt, ob sie einen Traum gehabt hätten; wichtige Entscheidungen wie der Wortlaut des Gebetsrufes, des Adhan, wurden ebenfalls auf besondere Weise durch Träume den Menschen zuteil.

Schließlich ist die Traumdeutung auch heute noch unverzichtbar: wer etwa einen Traum nach dem Verrichten des Istikhara-Gebets erlebt, muss diesen Traum ja verstehen, um sich nach der Entscheidung Allahs richten zu können. Doch das kann der Normal-Muslim eben ohne Zuhilfenahme eines vertrauenswürdigen und versierten Traumdeuters nicht schaffen; die Traumdeutung ist eine besondere Kunst, die teils aus Lernen und Fleiß, aber auch zu großen Teilen aus angeborener Fähigkeit zur Intuition und einer speziellen Kombinationsgabe besteht - Eigenschaften, die nicht jeder besitzt.

Daher wird das Erlernen des Traumdeutens von den Gelehrten genauso für grundsätzlich positiv betrachtet, und wer Träume deuten kann und zugleich die erforderliche Verschwiegenheit und das menschliche Einfühlungsvermögen hat, ist geradezu verpflichtet, auf Anfrage Träume zu deuten, es wird ihm quasi zu einer Fard Kifaya (Kollektiv-Pflicht, einer Pflicht, die erst entfällt, wenn die betreffende Handlung von irgend jemandem erfüllt wurde).

Als regelrechte Wissenschaft im klassisch-islamischen Literaturbereich verfügt die Traumdeutung über ihr eigene Techniken, Nachschlagewerke und Erfahrungsberichte, denn oft ergibt sich die korrekte Deutung eines zukunftsdeutenden Wahrtraums logischerweise erst, wenn das Geschehnis eingetreten ist.

Das wohl bekannteste Traumdeutungsbuch wird auf den Gelehrten Ibn Sirin (34-110 n.H./ 654-728 u.Z.) zurückgeführt, wovon mehrere Versionen existieren, meist unter dem Titel „Muntakhab al-kalam fi tafsir al-manam“ (Das Ausgewählte der Rede über die Traumdeutung) geführt. Schon bei diesem recht frühen Werk lassen sich die deutbaren Traumbilder einteilen nach solchen, die weitgehend von Religion und Kultur unabhängig sind und nach sehr unterschiedlichen Methoden interpretiert werden, und solchen Bildern, die stark von Qur’anversen und den dort verwendeten Beispielen abhängig sind. Hinzu kommen Erlebnisberichte des Ibn Sirin und einiger Abschreiber und Editoren des Werkes, welche wiederum sehr ausgefallene praktische Deutungsmethoden beschreiben.

Ibn Sirin hat die Kapitel nach Thematiken geordnet: so beschreibt er logischerweise bei den Bildern, die mit dem Menschen zu tun haben, zuerst die Arten der Menschen (Alte und Junge, Frauen und Männer etc.), dann alle Körperteile, später auch die wichtigsten Berufe seiner Zeit. Diese Art der Anordnung verlangt allerdings vom Traumdeuter etwas Erfahrung, weswegen einige der späteren Werke gerne in Form eines alphabetisch geordneten Wörterbuchs auftraten, wie etwa das sehr berühmte Werk „Ta’tir al-anam fi Ta’bir al-Ahlam“ (Die Parfümierung der Menschen durch die Auslegung der Träume) des Gelehrten und Sufi Abdul-Ghani An-Nablusi (1050-1143 n. H./1640-1731 M).

Die meisten der Traumdeutungswerke sind aber weiterhin nur als Handschrift existent, und nur wenige wurden neu herausgebracht, wie etwa das Buch „Al-Ischarat fi ’ilm al-’ibarat“ (Die Hinweise in der Wissenschaft der Deutungen [=Traumdeutung]) des Ghirs Ad-din Khalil Ibn Schahin Az-Zahiri (813-873 n.H./ 1411-1471 M), der aus der älteren nordafrikanischen Tradition der Traumdeuter stammt und aus Primärquellen schöpft, die selbst bei Ibn Sirin fehlen.

All diese Werke sind zwar notwendig für den modernen muslimischen Traumdeuter, doch das allein hilft noch nicht sehr viel weiter. Die Techniken der konkreten Befragung und Deutung - wie sie Ibn Sirin zum ersten Mal ansatzweise in seinem Vorwort festhielt - erfordern die Gabe, alle möglichen Interpretationen zugunsten einer oder zweier fortzulassen. So wird der Leser unter dem Eintrag „Meer“ geradezu erschlagen von mehr als zwanzig Verständnismöglichkeiten, wobei viele noch auf Nebenbedeutungen verweisen; ja bei fast allen wichtigen Bildern ist dies so. Rein mathematisch-logisch betrachtet wird ein üblicher Traum mit ca. zehn interpretierbaren Bildern - bei durchschnittlich je zehn denkbaren Bedeutungen - also hundert theoretisch mögliche Deutungen haben. Dass dies in der Praxis der Traumdeutung aber keineswegs so ist, liegt erstens an der erlernbaren Fähigkeit, mittels Betrachtung der Person und ihrer Lebens- und Traumumstände nur die passenden Schnittmengen zu erkennen, und zweitens an der nicht-erlernbaren Fähigkeit der Intuition, die derart verbliebenen Schnittmengen endgültig auf ein bis zwei Lösungen zu reduzieren. Der Grund für den Umstand, dass die Grenzen von diesseitiger Zeit und diesseitigem Raum durch den Traum gesprengt werden können, liegt darin begründet, dass die Träume - nach islamischer Auffassung - auf der Ebene der Zwischenwelt (’Alam al-Barzakh) zustande kommen: Allah nimmt die Seele (Nafs) des Menschen aus dem Körper heraus, aber es verbleibt ihr eine bestimmte Verbindung zum Körper; sie wird aus der diesseitigen Welt heraus und in die Zwischenwelt geführt, die eine Verbindung zwischen dem eigentlichen Jenseits und dem Diesseits darstellt.

Diese Barzakh-Welt ist insofern mit dem Diesseits verbunden, als die Seele vom Diesseits her - ohne eigentlichen Tod - zu ihr vordringt, aber sie ist auch mit dem Jenseits verbunden, insofern als sie der Seele die Dinge in ihrer Wahrheit zeigt. Wer etwa im Traum einen Hund sieht, der sich in das Bein des Träumenden verbeißt, hat einen menschlichen Gegner gesehen, der im „Wachzustand“ auf heimtückische Weise Böses wünscht. Die Hundegestalt entspricht hier also dem wahren (üblen) Zustand der Seele des Gegners, ist also in diesem Sinne die wahre Form.

Auch in der Sira hat der Gesandte Allahs mehrmals derart verschlüsselte Träume, die er selbst auch deutet: Vor der Schlacht von Uhud träumt er, dass er seinen Arm in einen Armpanzer hineinsteckt, und deutet das dahingehend, dass er und die Muslime in Madina sicher seien, außerhalb aber nicht - was sich durch den weiteren Verlauf des Tages auch bestätigt.

Ein für viele nicht wirklich nachvollziehbares Phänomen der Traumdeuterkunst ist, dass dem Traumdeuter manchmal Dinge klar werden, die von keinem Menschen gewusst werden, aber in der nahen beziehungsweise fernen Zukunft genauso eintreten, wie sie gedeutet wurden. Das gilt insbesondere für alle Andeutungen des konkreten Todeszeitpunktes eines Menschen, aber auch für alle sonstigen unvorhersehbaren Ereignisse, die sich aus manchen Wahrträumen klipp und klar erkennen lassen. Der Hintergrund ist, dass Allah durch den Wahrtraum manchen Menschen etwas von dem Verborgenen mitteilt, um ihn zu warnen oder auf wichtige Umstände hinzuweisen; ja manchmal wird einem Traumdeuter etwas durch den Traum eines anderen über sich selbst klar. Berühmt ist aus der Biographie Ibn Sirins, dass jemand zu ihm kam und erzählte, er (der Träumer) hätte letzte Nacht dies und jenes gesehen, und man habe ihm im Traum gesagt: Berichte das Ibn Sirin. Darauf fasste sich Ibn Sirin an den Kopf und rief den Umstehenden zu: „Wisst ihr, was dieser Mann hier sagt? Er sagt, dass ich innerhalb einer Woche sterben werde!“ Und so geschah es auch. Hier ließ also Allah dem Ibn Sirin etwas über anderer Leute Träume zukommen - ein Vorgang, der unter Traumdeutern nicht selten geschieht. Diese Kunst der Muslime in der Traumdeutung machte sie auch für Nicht-Muslime als Berater interessant: König Alfonso VI. von Kastilien (1065-1109) ließ sich im Jahr 1089 vor der bevorstehenden Schlacht einen Traum, den er in der Nacht zuvor gesehen hatte, von einem arabischen Traumdeuter klarlegen; der König sagte: „Ich sah mich auf einem Elefanten reiten und eine große Trommel schlagen“. Darauf meinte der Traumdeuter: „Dies lässt sich nach der Sure ‚der Elefant’ deuten; die Trommel deutet zudem auf ein vergebliches Tun hin. Du wirst die Schlacht verlieren.“ Und so geschah es, denn der König und sein Heer wurden in der nachfolgenden Schlacht von Zallaqa, in der Nähe von Badajos, von den Truppen der Almoraviden unter Führung von Yusuf bin Taschfin vernichtend geschlagen. Doch auch viel Positives wird durch Träume bewirkt: Manche Menschen werden im Traum aufgefordert, einen bestimmten Ort aufzusuchen oder ihn umgekehrt zu meiden, und im Nachhinein stellt sich dann heraus, dass der Träumende - wäre er diesem Rat nicht gefolgt - zu Schaden gekommen wäre. Diese Hinweise des Wahrtraums aus der Zwischenwelt werden von besonderen Engelwesen vorgenommen, die im Traum meist in gewöhnlicher Menschengestalt oder nur als Stimme auftauchen; jedoch weiß der Träumende während seines Traumes oft, dass es sich bei diesen Erscheinungen um Engel handelt. Dieser Umstand ist auch durch Überlieferungen vieler Sahaba (Prophetengefährten) gut dokumentiert. Wie sehr Schlaf und Tod, Wach-Realität und Traum-Realität, Einbildung und Wirklichkeit zusammenhängen, mag abschließend ein berühmtes Prophetenwort aus einem gesicherten Hadith belegen: „Die Menschen schlafen, und wenn sie sterben, erwachen sie.“ So gesehen verwundert es nicht, wenn der Traumwelt eine wahre Realität zugemessen wird, sie eben nicht nur Schall und Rauch ist, sondern eine andere Art des Seins, die uns unmittelbar auf das göttliche Einwirken in den Welten verweist.

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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