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28.04.2010: 
Die offenbarten Texte und die sie auslegenden Gelehrten im islamischen Denken

Überlegungen zur Rolle der Vernunft (3) von Abdurrahman Reidegeld, Wien

Imam Abu Hamid Al-Ghazali (geb. 1058 in Tus) studierte beim asch’aritischen Gelehrten Al-Dschu­waini (gest. 1085). Nachdem er eine wissenschaftliche Karriere als Gelehrter in Fiqh und Usul durchlaufen hatte, erhielt er von dem Wezir Nizam Al-Mulk einen Lehrstuhl an der Nizamija-Madrassa. Nach schwerer geistiger Krise gab er diese Tätigkeit aber auf und wanderte umher, befand sich auch in Al-Quds, Damaskus und vielen anderen Orten, in Armut und Gottesdienst versunken.

In diese Zeit fiel auch das Verfassen von etlichen seiner Werke, manche verfasste er aber erst nach seiner Rückkehr zur Nizamija. Wider ­Willen nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf, doch zog er sich abermals daraus zurück und unterrichtete seine Art des Sufismus. Er starb im Jahr 1111.

Reaktion auf Missstände

Al-Ghazali führt in seinen Schriften die geistige Misere der Umma auf eine dreifache Spaltung zurück:

• Spekulative Theologie der Traditionalisten (Kalam) versus Philosophie,

• Sunna versus Schi’a, sowie

• Rein äußerliche Ausübung des Din versus Innerlichkeit.

Seine Kritik wird in seinem Hauptwerk „Ihya ‘Ulum Ad-din“ (Wiederbelebung der Religionswissenschaften) in einer praktischen Erkenntnissuche mit innerer Reflexion beschrieben, als Anleitung für Schüler und Wahrheitssucher. Im Gegensatz wird in seinem Werk „Al-Munqidh mina-d-dalal“ (der Erretter aus dem Irrtum) der logische Weg der inneren Erkenntnissuche aufgezeigt, den er selbst ging und den er in diesem Werk auch anderen empfiehlt.

Sein Wirken war auch durch starke Gegenschriften gekennzeichnet, insbesondere durch zwei: Sein Schreiben gegen die Batinija (einer Untergruppe der Isma’ilija), deren Ideen im Din er als unzulässige Verdrehung der klaren qur’anischen Botschaft brandmarkt, und sein anti-philosophisches Werk „Tahafut Al-falasifa“ (Verwirrung der Philosophen). Indirekt lehnt er infolge dessen auch die Metaphysik ab.

Seine Kritik an den Philosophen seiner Tage bezog sich auf die drei altbekannten Streitpunkte: • „Ewigkeit der Welt beziehungsweise der materiellen Substanz“: Dies widerspricht der qur’anischen Aussage, dass alles außer Allah von Ihm (dem Erhabenen) erschaffen sei, dass also nur ­Allah urewig sei.

• „Allah kenne die Einzeldinge nur im Zusammenhang der kosmischen Ordnung“; dies widerspricht der Eigenschaft des Wissens Allahs, das laut Qur’an ­alles seiende umfasst.

• „Leugnung der körperlichen Auferstehung“; dem steht die klare Aussage des Qur’ans gegenüber, wonach alle Seelen am Jüngsten Tag mit einem neu erschaffenen Körper versehen werden.

Die Folgen der Kritik

Da Al-Ghazali die Logik als Mittel ­erfolgreich zur Stärkung der Din-Aspekte herangezogen hatte, führte dies in den Augen der traditionsgebundenen Gelehrten zur Rehabilitierung der Logik; es entsteht der Gedanke einer islam-ge­mäßen Philosophie.

Seine Kritik der Metaphysik bezieht sich auf das Spannungsfeld, das sich durch seltsame beziehungsweise extreme Vorstellungen bestimmten Gruppen der Mystik beziehungsweise der Schi’a mit den sunnitisch-anerkannten Meinungen ergibt; es entsteht daraus der Gedanke einer islam-gemäßen Mystik (Tasawwuf). Andererseits stellt er durch seine Überlegungen fest: Der Verstand ist nicht der oberste Richter über letzte Wahrheiten.

Außerdem ergibt sich, dass kein unbe­dingter Kausalitätszwang zwischen den Dingen es Diesseits besteht; dies ist das Ergebnis der Wunder-Problematik (Mu’dschiza). Letztlich bekräftigt er seinen Ansporn für die Gelehrten (Ulama), sich intensiv mit der Philosophie und ihrem Mitteln auseinanderzusetzen.

Die rationale Kritik in der Umma

Abu’l-Walid Muhammad ibn Ahmad Ibn Ruschd wurde 1126 in Cordoba geboren; er stammte aus einer angesehener Richterfamilie in Cordoba und erhielt - nach dem Willen der Familienoberhäupter - eine fundierte ärztliche und juristische Ausbildung. Er wurde vom Philosophen Ibn Tufail empfohlen am Hof von Abu Ja’qub Jusuf, dem damaligen Almohaden-Herrscher, und erlangte dessen Achtung. 1171 erhielt er das Amt des Oberrichters von Cordoba, wurde aber im Jahre 1182 Leibarzt von Abu Ja’qub Jusuf.

Einige Zeit später fiel er wegen seiner mittlerweile veröffentlichten philo­so­phischen Schriften in Ungnade und musste ins Exil nach Lucena auswandern; seine Bücher wurden in Cordoba öffentlich verbrannt. Später erfuhr er Rehabilitierung wegen seines anerkannt guten Rufs. Dennoch zog er es vor, Cordoba zu verlassen, und begab sich nach Marrakesch, wo er dann auch 1180 ­verstarb.

Neuer Rationalismus

Ibn Ruschd versteht sich klar als Aris­toteliker und Logiker. Die wichtigsten seiner Werke: „Fasl Al-Muqal“ (Klare Rede, über Logik), „Al-Kaschf ‘an manahidsch Al-Adilla“ (Enthüllung der Methoden der Belegfindung, über die Usul-Wissenschaft), „Bidajatu’l-Mudschtahid“ (Ansatz des Mudschtahid-Gelehrten); „Tahafut at-Tahafut“ (Verwirrung der Verwirrung, über logische Erwägung und Widerlegung der anti-philosophischen Gedanken Al-Ghazalis). Er verfasste Kommentare zu fast allen Aristoteles-Werken und wird dementsprechend „der Zweite Kommentator“ genannt (gemeint ist: nach Al-Farabi).

Geistiger Ausgangspunkt von Ibn Ruschd

Ein gutes Verhältnis von Verstand (Aql) und innerer Überzeugung in der Religion (Iman) ist seitens des klugen Menschen erforderlich. Ibn Ruschd sieht aber keinen Widerspruch von philosophischen Prinzipien und Din-Grundlagen. So belegt er beispielsweise: Wortwörtlichkeit widerspricht häufig dem korrekten Verständnis des Qur’an.

Das Werk „Tahafut At-Tahafut“ (Verwirrung der Verwirrung) spielt auf ­Ghazalis Schrift „Tahafut Al-Falasifa“ (Verwirrung der Philosophen) an; Ibn Ruschd betont die Verträglichkeit der Philosophie mit den Normen der Religion, und beschreibt, dass Al-Ghazali teilweise keine klare Vorstellung von den Dingen hatte. Letztlich räumt er der Philosophie einen sachlichen Vorrang vor rein Wahji-gestützten Ahkam ein, aufgrund der allgemein erkennbaren Grundlage der Sittlichkeit. Andererseits übt Ibn Ruschd ungeschminkt Kritik am opportonistischem Verhalten etlicher Ulama in ihrem Verhältnis zu den Herrschern. Somit erkennen wir in dem Rechtsgelehrten Ibn Ruschd einen ersten Versuch, Quellen und Logik zu vereinigen.

 

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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