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31.03.2004: 
Wie man zu fundiertem Wissen gelangt

IZ-Gespräch mit dem Islamwissenschaftler Ahmad Abdurrahman Reidegeld

Ahmad Abdurrahman Reidegeld, geboren 1966, hat Islamwissenschaften in Köln studiert. Später lebte er eine Zeit lang im Oman. Er hat unter anderem ein umfassendes Handbuch („Ilmihal“) zum islamischen Recht nach den vier Rechtsschulen in deutscher Sprache verfasst, das mittlerweile auch veröffentlicht worden ist [das Interview entstand im Februar 2004]. Ahmad Abdurrahman Reidegeld promoviert derzeit an der Universität Köln. Er leitet zudem auch Kurse des Islamologischen Instituts und ist seit kurzem als islamischer Lehrer in Wien tätig.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Reidegeld, wie sind Sie Muslim geworden?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Ich habe mich bereits als 15-Jähriger sehr für religiöse Themen interessiert. Dabei kamen bei mir bestimmte Zweifel an den heutigen christlichen Inhalten, die ich anhand von Originalquellen mit meinem jesuitischen Religionslehrer studierte, auf, insbesondere bei drei speziellen Fragestellungen. Letztendlich konnte mir niemand auf diese Fragestellungen eine Antwort geben, sodass ich mir sagte, wenn es auf diese Fragen keine Antwort gibt, und ich auch keine logische Antwort darauf finden kann, dann ist das nichts für mich. Ich habe mich dann bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr ausführlich mit anderen Religionen beschäftigt, auch sehr intensiv mit dem Buddhismus. Dieser ist in seiner ursprünglichen Form eigentlich eine reine Philosophie; der konkrete, persönliche Gottesbegriff fehlt. Von den drei monotheistischen Religionen sagten mir persönlich weder das Christentum noch das Judentum als eigene Religionsform zu. Der Islam in seiner Universalität hingegen faszinierte mich, und so begann ich, mich mit dem Islam zu beschäftigen. In meinem ländlichen Wohnort war es damals jedoch sehr schwer, an Informationen über den Islam zu gelangen. So habe ich unter schwierigen Umständen damit begonnen, das Gebet zu verrichten. Dabei geschahen besondere innerliche, eher mystische Ereignisse, die mich überzeugten, dass es sich hierbei wirklich um einen wahrhaftigen Weg handelte; erst später kam auch eine logische Überzeugung dazu. Ich habe nicht durch einen Menschen zum Islam gefunden, sondern vor allem durch Lektüre verschiedener Werke, etwa „Das Elixier der Glückseligkeit“ von Al-Ghazali. Das war kurz vor meinem Abitur.

Islamische Zeitung: Wie war dann Ihr weiterer Werdegang als Muslim?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Ich habe dann Ende 1984 mit dem Studium in Köln begonnen und mich für die Fächerkombination Islamwissenschaft/Afrikanistik/Malaiologie eingeschrieben. Ich war damals der einzige mit dieser seltenen Kombination. Während des Studiums hatte ich das Glück, dass Professor Abdoljavad Falaturi seinerzeit nicht nur sein eigenes Institut hatte, sondern auch lehrender Professor war. Ich habe daraus sehr viel Nutzen gezogen. Arabisch hatte ich zwar schon mit 15 zu lernen begonnen, doch nun konnte ich dies gründlich angehen. Ich habe lange Jahre sehr viel gelesen. Zudem hatte ich viel Kontakt zu anderen muslimischen Studenten. So konnte ich mir als Student Wissen über den Islam aneignen, ohne durch die Brille negativ eingestellter Orientalisten (vornehmlich der älteren Orientalistengeneration) zu blicken.

Islamische Zeitung: Haben Sie erst als Student Kontakt zu anderen Muslimen bekommen?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Ja, erst mit dem Studium. Die Zeit davor war ein interessantes Zwischenstadium. Damals wusste man in Deutschland vom Islam im ländlichen Bereich kaum etwas, zumindest in meiner Region. Man kannte zwar Khomeini, doch es war alles nicht so aufgeladen wie heute. Ich kannte damals viele Leute in einer evangelischen Teestube, Wir waren gleichaltrige Jugendliche und haben viel miteinander gesprochen. Ich war einfach einer von ihnen, der nun Muslim wurde. Das stellte damals für sie keinen erheblichen Bruch dar, zumindest ließ man mich das nicht spüren. Ich habe damals dort auch gebetet, was auch kein Problem war. Da ich mich nicht auffällig, beispielsweise bei der Kleidung, verhalten habe, stellte mein Islam kein Problem dar. Der Bruch kam eigentlich erst durch das Ende der Schulzeit, nicht durch den Islam. Das ist heute bei Neumuslimen vielleicht anders.

Islamische Zeitung: Wie ging es nach dem Studium weiter?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Ich habe 1993 mein Studium beendet und wollte direkt im Anschluss daran bei Prof. Falaturi meine Doktorarbeit schreiben. Ein erstes Thema wurde aufgrund der schwierigen Quellenlage letzlich wieder fallen gelassen. Auch eine zweite Arbeit über den Fiqh der ’Ibadija, für die ich in den Oman reisen musste, ging über die Vorarbeiten nicht hinaus, zumal Prof. Falaturi in diesem Zeitraum auch verstarb. Ich arbeitete dennoch weiter im Oman, allerdings als externer Fachmann im omanischen Stiftungsministerium 1997-98. Ich habe eine Zeit lang auch als Privatdozent gearbeitet. Derzeit mache ich einen dritten Versuch. Es geht um das Thema Ar-Ruh, den Geist, aus der Sicht der Qur’an-Kommentatoren und der frühen Sufis, wozu es bisher keine ähnlichen Abhandlungen gibt.

Islamische Zeitung: Wie war die Situation der Muslime in Deutschland damals im Vergleich zu heute?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Es gab früher von offizieller Seite kaum Vorgaben. Die Berichterstattung der Medien war damals weder durchweg positiv noch durchweg negativ. Es gab aber nicht diesem stark ideologisch begründeten Ansatz, dass man kritisch über den Islam berichten müsse. Es gab seinerzeit auch keinen politischen Druck, den Islam als weltweite Bedrohung zu definieren, was ja heute de facto der Fall ist und was uns ja jetzt alle prägt. Man versucht von nicht-muslimischer Seite heute oft, durch den Islam als Negativbild sich seiner eigenen Identität und Werte zu vergewissern, und erkennt dabei, dass davon als einheitliche Konsensmeinung so gut wie nichts mehr da ist. Heute schließen sich beispielsweise viele praktizierende muslimische Studenten bewusst keinerlei Organisation an, da man sich dadurch, in der Sicht Außenstehender, grundsätzlich verdächtig macht. Alles ist eher in den Status des Verdeckten abgesunken. Die Islamische Hochschulvereinigung (IHV) Köln, in der ich früher aktiv war, ist momentan faktisch kaum mehr existent. Früher gab es, auch unter Nichtmuslimen, ein allgemeines Bedürfnis, sich zu Interessengruppen zusammenzufinden, und das „Wir“-Gefühl wurde als Ideal hochgehalten. Das ist heute - unabhängig von der Frage des Islam in Deutschland - völlig weggefallen. Die muslimische Szene wurde hier von einem gesamtgesellschaftlichen Trend mit erfasst: dem Rückzug ins Privatleben. So ist es nicht verwunderlich, dass im innerstudentischen Rahmen so gut wie keine Aktivitäten mehr stattfinden - die Voraussetzungen dazu sind einfach nicht mehr da.

Islamische Zeitung: Ein Werk wie das von Ihnen verfasste Handbuch zum Fiqh fehlt in deutscher Sprache bisher völlig.

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Die vorhandene deutschsprachige islamische Literatur ist unzureichend und häufig oberflächlich. Es gibt dabei zwei Probleme: Erstens treten diejenigen in Deutschland, die ein gewisses fundiertes Wissen haben, oft nicht als offizielle Sprecher für Organisationen oder Moscheegemeinden auf, sondern Leute, die durch bestimmte Beziehungen oder vereinsinterne Vorgaben vorgeschoben werden. Dies sind aber nicht unbedingt die, die Wissen haben. Zweitens besteht bei vielen Gemeinden nach wie vor - teilweise berechtigt - die Furcht, dass von Seiten der nichtmuslimischen Gesellschaft Äußerungen, die genuin islamisch sind, nicht akzeptiert werden. Kirchengemeinden handeln jedoch genauso. Es gibt immer eine nach innen und eine nach außen gerichtete Seite. Wenn ich mich nach außen richte, möchte ich dem anderen nicht unbedingt einen Stoß vor den Kopf geben, das ist ganz normal und richtig. Trotz des Drucks von außen: wir können uns nicht herausreden - viele Sprecher und Autoren haben keinerlei islamische Grundlage, keine Substanz. Selbst zu relativ einfachen Fiqh-Bereichen wie dem Gebet besteht kein ausreichendes Wissen. Dadurch entstehen auch intern viele unnötige Probleme. Das Niveau in den meisten Gemeinden ist oberflächlich und nicht von Wissen geprägt. Die, die ein gewisses Wissen haben, haben nur selten die Möglichkeiten, es auch zu vermitteln. Heute stehen wir vor dem Scherbenhaufen, dass wir weder intern noch nach außen hin eine Struktur haben, mittels der wir mit einer gemeinsamen Grundlage auftreten könnten. Der Bezug auf das islamische Recht fehlt, weil eben die meisten Muslime selbst davon kaum oder keine Ahnung haben - bestenfalls noch bezüglich des Gebets; aber ein Muslim muss auch wissen, wie er zum Beispiel einen Kaufvertrag macht. Und weil dies für uns keine so große Rolle spielt, braucht es naturgemäß für die Nichtmuslime auch keine so große Rolle zu spielen. Wir werden in diesem Aspekt also nicht ernstgenommen.

Islamische Zeitung: Wie kann man zu einer fundierten Wissensvermittlung gelangen?

Ahmad Abdurrahman Reidegeld: Es ist ein Unterschied, ob ein junger Mensch, ob Mann oder Frau, die Absicht hat, sich im Sinne des Fiqh, der klassischen islamischen Rechten- und Pflichtenlehre, auszubilden - dies wird de facto auf einer gewissen Ebene fast nur im Ausland möglich sein. Aber die meisten möchten ja zunächst einmal nur wissen, welche Vorgaben es gibt, wie man sich im täglichen Leben so zu verhalten hat, dass es der Zielsetzung des islamischen Lebensweges entspricht. Es geht darum, was klar verboten ist und was erlaubt, und wo Bereiche sind, wo man verschiedene Ansätze haben kann. Und dazu gibt es hierzulande kaum Hilfestellung. Mit meinem Buch wollte ich dazu ein Grundgerüst geben, nicht mehr und nicht weniger. Man benötigt einen Grundfaden: Wenn man verstanden hat, wie das geistige System des Islam funktioniert, wie man sich diesem reichen geistigen Erbe annähert, dann kann man daraus schöpfen, andernfalls nicht. Es geht um die Herangehensweise. Es geht nicht darum, was einem persönlich gefällt oder anderen gefällt, sondern es gibt Bereiche, die von der Individualität nicht berührt werden. Daher stellen sich manche Fragen erst gar nicht. Religiöse Normen habe ihre eigene Regelhaftigkeit, da sie ihre Autorität aus der Transzendenz beziehen und nicht aus vom Menschen gemachte Normen. Man muss wissen, bis wohin man als Individuum hierzulande seine private Färbung annehmen kann, und wo die Grenze dafür ist. Natürlich wird auch der Individualität im Islam Rechnung getragen, aber man darf nicht vergessen, dass es auch allgemeingültige Normen im islamischen Gesellschaftskonzept gibt. Man vergisst oft, dass der Islam einen Gesellschaftsentwurf hat und wir als Muslime auch einen gesellschaftlichen Auftrag haben - wir sind nicht dazu da, lediglich ein Teil der Konsumgesellschaft zu sein. Statt deren Fehler nachzuahmen, hätten wir eigentlich ein eigenes positives Konzept anzubieten. Bezeichnenderweise erkennen viele Nichtmuslime, dass es hier eine gesellschaftliche Chance gibt, diese aber haben keine große Öffentlichkeit, und in den Massenmedien wird ein solches Alternativmodell zum „Schreckgespenst Islam“ nicht gerne gesehen. Jeder Muslim sollte sich klar sein, dass er einen bestimmten Auftrag auf Erden hat. Wir haben im Islam keinen missionarischen Auftrag, aber wir haben den Auftrag des Balagh - der klaren und deutlichen Rede. Wenn uns jemand über den Islam befragt, müssen wir eine klare und überzeugende Antwort geben können. Wir müssen persönliche Integrität haben, um überzeugen zu können. Wenn gesehen wird, dass Muslime sich selbst nicht nach dem richten, was sie erzählen, dann sind wir unglaubwürdig. So sehen es auch die meisten Nichtmuslime, da sich die meisten eben daran orientieren, wie sie Muslime praktisch erleben.

Islamische Zeitung: Sehr geehrter Herr Reidegeld, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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