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16.09.2004: 
Spurensuche in Budapest (1)

Auf der Spur des islamischen Erbes in Ungarn - Von Abdurrahman Reidegeld, Köln


Von Beginn ihrer Existenz an war die Stadt, aus der das heutige Budapest entstand, geprägt von landschaftlichen Begebenheiten: die Stadt wuchs, indem sie sich zuerst über die Hügelgipfel, dann über die direkte Umgegend und schließlich weit ins Hinterland erstreckte.

 

Im Mittelalter, etwa vom Jahr 1000 n.Chr. an, entstand auf einigen Hügeln eine Festung und eine kleine, ebenfalls befestigte Bürgerstadt; sie waren in Ufernähe der Donau gelegen, wo der Fluss am schmalsten war. In dieser Form verblieb sie bis zur teilweisen Eroberung Ungarns durch die Osmanen; von jenem Zeitpunkt an aber veränderte sich ihre Gestalt und Wesen, und sie wurde in ihrer neuen Form die Keimzelle des heutigen Budapest.

Die Geschichte des osmanisch-türkischen Budapest beginnt letztlich mit der Schlacht von Mohacs (1526), in der das damalige Heer des ungarischen Königs fast völlig vernichtet wurde; bis 1566 war daher Mittelungarn eine türkische Provinz geworden, während im Norden und Westen ein vom Habsburger Kaiserreich beherrschtes Gebiet blieb und im Osten - im heutigen Rumänien gelegen - als dritter Teil ein halbautonomes ungarisches Fürstentum in Transsylvanien entstand, welches in einem lockeren Vasallenverhältnis zum osmanischen Reich stand.

So war die kleine mittelalterliche Stadt plötzlich eine strategisch wichtige Grenzstadt geworden. Buda (ungarisch früher: Ofen, auf türkisch ”Budin” genannt) wurde zum Sitz eines Beylerbey, also zur Residenzstadt erhoben, was die Anziehungskraft der Stadt derart erhöhte, dass die alte Bürgerstadt für die Einwohner schnell zu eng wurde und die ersten Neuviertel entstanden. Diese Bautätigkeit wurde von den örtlichen islamischen Würdenträgern unterstützt , auch durch Geldspenden, und da ein beträchtlicher muslimisch-türkischer Bevölkerungsanteil vorhanden war, wurden in den neuen Vierteln auch viele Moscheen und Bäder errichtet (nach manchen Quellen bis zu etwa 40 Moscheen), wohl auch Madrassen und andere Nutzbauten wie Karawansereien und Armenküchen. Gleichzeitig wurde ein neuer Festungsring um diese neuen Viertel gezogen, mit starken, festungsartig ausgebauten Toranlagen, der allerdings an manchen Stellen spärlich ausfiel (nämlich da, wo die natürlichen Felsabhänge zur Verteidigung für gewöhnlich ausreichten), an anderen jedoch sogar mehrfach erweitert wurde (wie etwa beim westlichen Neuviertel, das mit einer eigenen, zusätzlichen Mauer direkt in den Befestigungsrahmen der inneren Stadt mit einbezogen wurde).

Zunächst war der Grund, warum genau an dieser Stelle eine eigentlich unbedeutende Grenzfestung zum Sitz eines der größten Beylerbeyliks (d.h. der wichtigsten militärische Verwaltungseinheit) und zum Eyalet (größte zivile Verwaltungseinheit) wurde, in der Tatsache begründet, dass diese Stelle der Donau direktes Frontgebiet eines Krieges war, der sich über insgesamt zweihundert Jahre hinzog; der Pascha und Beylerbey von Budin war oberster Feldherr der nordeuropäischen Grenzgebiete und durfte auch ohne Rücksprache mit zuständigen Wesiren in Istanbul kleinere Feldzüge durchführen.

Da aber andererseits die längere Anwesenheit eines so ranghohen Feldherrn in Buda erforderlich war, entwickelte sich die mittelalterliche Königstadt zur neuen Residenz, in deren Schatten sich neben Militärs auch viele Bürger, Händler und so weiter ansiedelten, bis die Hauptmasse der Soldaten schließlich in einer eigenen, gewaltigen Garnison, einer eigenen Stadt, auf der rechten Donauseite untergebracht wurde - woh1 auch, um diese bis dahin freie, unbebaute Landlinie besser zu kontrollieren. Diese Festung wurde Pest (sprich: „Pescht“) genannt - womit der künftige Charakter der Stadt zum ersten Mal hervortrat - einer Stadt, nahezu geradlinig in der Mitte durchtrennt durch die Donau - ein Bild, das sich auch dem heutigen Besucher noch einprägt. Diese Residenzstadt wuchs von etwa 1600 an immer weiter, bis die letzten Stadtviertel, die in der osmanischen Stadt vor der Eroberung durch die habsburgisch-kaiserlichen Truppen 1684 entstanden, sich gewissermaßen lose an den Festungsgürtel der Kernstadt anschlossen; bei Gefahr beziehungsweise feindlichen Angriffen zogen sich die Bewohner der Außenviertel in die Innenstadt hinter die Mauern zurück, wobei rings um die Stadt gelegene Garnisonen als Wächtervorposten fungierten.

Im Jahre 1684 gelang es einem verbündeten Heer, das von deutschen, österreichischen und päpstlich-italienischen Truppen gebildet und von den Habsburgern entsandt und angeführt worden war, die Stadt einzunehmen; darauf befahl der von der Habsburger Seite gestützte und sofort eingesetzte neue ungarische König, alle Spuren des islamischen Lebens und der islamischen Kultur in der Stadt zu zerstören. Aufgrund dieses Erlasses haben nur etwa fünf Bau- werke aus der osmanisch-türkischen Zeit bis heute bestand gehabt: Eine Türbe (Mausoleum) sowie vier türkische Bäder, die man - weil sie gute Thermalquellen nutzten - verschonte und offensichtlich aus Bequemlichkeit ohne Umbau in ihrer ursprünglichen Form beließ; Herrenhäuser, Minarette und Moscheen als deutliche religiös beziehungsweise kulturell geprägte Bauwerke wurden aber bis auf die Grundmauern zerstört und bald mit europäischen Bauten überdeckt, sodass sich der Straßengrundriss bis heute erstaunlich gut erhalten hat.

Die einfachen, stabilen und unscheinbaren Steinhäuser der alten türkischen Stadt wurden wahrscheinlich noch nach der christlichen Rückeroberung instand gehalten, da es dem Wunsch des neuen Königs entsprach, Buda und Pest zur neuen christlichen Residenz Ungarns zu machen, und eine völlige Zerstörung der türkischen Steinstadt dem entgegengewirkt hätte. Aber diese Gebäude wurden in den folgenden Jahrhunderten so oft umgebaut, dass von dieser alten osmanischen Bausubstanz nur noch die Grundmauern blieben.

Reisende aus dem osmanischen Reich gelangten in der Regel von der Pester Seite aus in die Stadt; den alten Darstellungen nach führten über das hügelige Land ein - bis zwei Landstraßen bis zu den Außentoren der Pester Garnison, welche die Reisenden - wie durch ein Kontroll-Nadelöhr - durchquerten und über das der Donau zugewandte Tor der Garnisonsbastion verließen. Hier standen sie vor der Ponton-Brücke, die den bequemsten Weg zu den Stadttoren Budins darstellte. Einzige Alternative waren - gerade bei starkem Durchgangsverkehr - die Ruderer, welche regelmäßig von der Serbenvorstadt aus die Pester Seite anfuhren und Reisende parallel zur Brücke übersetzten.

Während die Fernkaufleute eher an der Garnison und der Zollfestung interessiert waren, betraten sonstige Reisende die Stadt über das weiter nördlich gelegene Haupttor der Residenzstadt, das eigentliche Donautor. Von hier aus durchlief man auf der Hauptstraße die Innenstadt und gelangte dann zu einem weiteren Tor, das den Weg wahlweise in die ”Königstadt” oder die ”Bürgerstadt” einließ; durch eine starke Torfestung verließ man im ersteren Fall die ”Königstadt”, entweder in ein Neuviertel oder der Straße folgend in Richtung der Außenfestungsmauer, die schließlich durch ein weiteres Tor den Weg ins Hinterland freigab. Dabei musste man einen kleinen Fluss überqueren, der auch heute besteht, wenngleich teilweise von Straßenplatten bedeckt und unterirdisch die Innenstadt bis zur Donau hin durchquerend.

Die so genannte ”Wasserstadt” hieß darum so, weil sie regelmäßig, wenn die Donau Hochwasser führte, überschwemmt wurde. Am Felsabhang, an den Längsseiten der Königsstadt und der Bürgerstadt, wurden die ersten muslimischen Friedhöfe angelegt, deren Grabsteine bis heute noch zu sehen sind; der frühere Hauptfriedhof der erweiterten osmanischen Stadt (der vor den nördlichen Außenvierteln lag) aber ist heute von Wohngebieten überbaut und nicht mehr erkennbar.

 

- Veröffentlicht in der IZ (Islamische Zeitung) -

 

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